Servus

Posted on 28 March 2013, 6:00 in Uncategorized.

Die Kolumne «Unsere kleine Stadt» ist wie eine Fernsehserie. Sie kommt in Staffeln. Die erste Staffel mit 160 Kolumnen erschien in den Jahren 2004 bis 2008 im Kulturteil der Basler Zeitung. Heute endet die zweite Staffel von 94 weiteren wöchentlichen Betrachtungen in derselben Rubrik. Eine Fortsetzung auf diesem oder einem anderen Kanal ist durchaus möglich.

Hans-Joachim Kulenkampff (Bild; Cinetext) war als TV-Quizmaster ein Meister seines Fachs. Er wusste auch, sich elegant von seinen Zuschauerinnen und Zuschauern zu verabschieden. Daran erinnert sich der Autor der Kolumne «Unsere kleine Stadt» bei seinem (vorläufigen) Abschied nach 260 Wochenkommentaren, die in zwei Staffeln erschienen sind.

So ein Abschied fällt nicht leicht. Das Echo aus der ganzen Region und darüber hinaus wird mir fehlen. Die letzten beiden Jahre waren zunächst geprägt vom Dialog mit Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, sei es per Post, per Mail oder im begleitenden Blog www.unserekleinestadt.ch, zu dem Sie bis heute 980 Kommentare beitrugen. Später beschäftigte uns zusätzlich meine Kritik an Kurs und Stil der aktuellen BaZ-Redaktion. Einer Redaktion, notabene, der ich diese publizistische Bühne verdanke. Deshalb: Vielen Dank, liebe BaZ! Und dennoch: Ewig konnte das ja nicht gut gehen.

Als Fernsehserie sollte man sich auch wie am TV verabschieden. Primus der eleganten «Adieus» am Bildschirm ist bis auf den heutigen Tag der Master aller Quizmaster, Hans-Joachim Kulenkampff. Als Vor-Vorläufer von Thomas Gottschalk moderierte er ab 1964 im Deutschen Fernsehen den samstäglichen Strassenfeger «Einer wird gewinnen», kurz EWG. Neben vielen anderen Dingen erfand Kulenkampff auch das gnadenlose Überziehen der Sendezeit. 30 Minuten waren das Minimum. Dramaturgisch war seine Quizsendung, nebenbei gesagt, sehr ähnlich gestrickt wie «The Voice of Switzerland».

Am Ende jeder EWG-Ausgabe, liess sich «Kuli», wie ihn seine Fans nannten, vom Butler Mantel, Schal, Schirm und Hut reichen. Dabei motzte der Diener jeweils gut hörbar über angebliche Patzer und Pleiten der zu Ende gehenden Sendung. Alle wussten, dass Butler-Darsteller Martin Jente der verantwortliche EWG-Produzent war.

So nehme ich heute Mantel, Schal, Schirm und Hut – und schicke mich an, Ihnen leise «Servus» zu sagen. Dieser wundervolle Gruss ist im ganzen Gebiet der ehemaligen Österreichisch-Ungarischen Doppelmonarchie verbreitet. Also dort, wo ein Teil meiner Familie ursprünglich her stammt. Mit «Servus» verwandt ist in der Schweiz das Wort «Service», das auch in Basel manchmal im Sinne von «bitte, gern geschehen» zu hören ist.

Die lateinische Wurzel von «Servus» weist darauf hin, dass ich Ihr Diener bin, Ihnen zu Diensten stehe. In diesem Fall ist es also Ihr Butler, der den Hut nimmt. Die Aufgabe des Schreibens verstehe ich als Dienst an der Leserin und am Leser: Sie zu informieren und zu unterhalten, zum Lachen zu bringen, manchmal auch zum Weinen oder Nachdenken. Nur so konnte ich Sie verführen, mir Woche für Woche zu folgen, und sogar bis hierher, zur letzten Zeile in dieser Staffel. In diesem Sinne: Danke, auf Wiedersehen und Servus.

Braune Tradition

Posted on 21 March 2013, 6:00 in Uncategorized.

Die so genannte Ecopop-Initiative gibt sich ökologisch, löst aber kein einziges Umweltproblem. Mit Einwanderungsbeschränkungen will sie Engpässe auf dem Wohnungsmarkt oder in öffentlichen Verkehrsmitteln lindern, erreicht aber das Gegenteil. Ganz abgesehen vom Flurschaden, den das Begehren in der Wirtschaft, speziell auch in der Region Basel, anrichten würde.

Um die Umwelt echt zu entlasten, müsste die Ecopop-Initiative den Absatz der Antibabypille in der Schweiz und speziell in Wollerau (Bild) fördern, wo die fettesten Autos zirkulieren und überdimensionierte Eigentumswohnungen die Landschaft verschandeln. (Bild Keystone)

Doch der Reihe nach: Die Initiative will die jährliche Zuwanderung in die Schweiz von heute 80 000 auf 16 000 Personen senken. Davon wären vor allem hoch qualifizierte Ausländerinnen und Ausländer betroffen. Andere Länder haben hunderttausende von Euro oder Dollar in die Ausbildung dieser Menschen gesteckt. Wir sparen uns diese Investition und schonen damit unsere Kassen.

Mit ihren Steuern finanzieren die wohlhabenden Migranten unsere Infrastruktur kräftig mit. Ohne ihren Zustupf wären manche Ausbauten von Bahnlinien, erneuerbaren Energien oder Museen gefährdet.

Aber belasten die «Expats» nicht unser Ökosystem über Gebühr? Die meisten grossen Umweltprobleme, etwa die Klimaerwärmung oder der Verlust der Artenvielfalt, sind heute nicht lokal, sondern global. Die Schweizer Siedlungsstruktur, unser Energiesystem oder auch die Landwirtschaft sind zwar nicht nachhaltig, aber sie beanspruchen deutlich weniger Ressourcen pro Kopf als der Durchschnitt dieser Systeme in anderen hochindustrialisierten Ländern. Wandert ein Mensch zum Beispiel aus den USA ein, reduziert sich im Schweizer Umfeld automatisch sein Energieverbrauch, etwa weil es mehr öffentliche Verkehrsmittel gibt. Weltweit gesehen – und darauf kommt es an – ist diese Einwanderung also positiv für die Umwelt.

Die Ecopop-Initiative verleugnet diese Zusammenhänge. Dafür verlangt sie, dass wir zehn Prozent unserer Entwicklungshilfe in die Förderung freiwilliger Geburtenregelung im Ausland stecken. Hier bewegt sich das Volksbegehren endgültig im Fahrwasser der braunen Tradition, welche unterscheidet zwischen höher- und minderwertigem Leben.

Denn wo betreibt die Schweiz Entwicklungshilfe? Sicher nicht in Deutschland oder Kanada, sondern ausschliesslich in den ärmsten Ländern. Dort leben jedoch die Menschen mit dem kleinsten ökologischen Fussabdruck. Zehn Inder verbrauchen durchschnittlich gleich viel Energie wie ein einziger Westeuropäer.

Um die Umwelt echt zu entlasten, müsste die Initiative verlangen, dass die Schweiz den Absatz der Antibabypille zum Beispiel in England, Nordamerika oder Australien fördert. Oder weshalb nicht gleich in der Schweiz und hier speziell in Wollerau, wo die fettesten Autos zirkulieren und überdimensionierte Eigentumswohnungen die Landschaft verschandeln? Mit ihrem vorgeschlagenen Eingriff bei den Ärmsten der Welt entlarvt die Initiative ihren wahren Charakter.

Theater für Basel

Posted on 14 March 2013, 6:00 in Uncategorized.

Basel sucht eine neue Theaterdirektorin oder einen neuen Direktor. Zwar liegt der Entscheid hauptsächlich bei der Theatergenossenschaft, doch fiebert ihm eine breite Öffentlichkeit entgegen. Weshalb? Im besten Fall – und diesen wünschen wir uns alle – prägt die Theaterdirektion den politischen und kulturellen Diskurs und damit die Zukunft Basels wesentlich mit. Dem Dreispartenhaus wohnt das Potenzial inne, uns in ethischen Fragen zu beraten und ästhetische Massstäbe zu setzen.

Nach Jahrzehnten der Importe brauchen wir heute eine neue Theaterdirektion aus Basel oder eine solche, die Basel sehr gut kennt. Denn die Aufgabe des Dreispartenhauses geht weit über Erbauung hinaus. (Bild: Margrit Müller)

Das Theater ist zwar kein Parlament, das mit Ja oder Nein über konkrete Vorlagen abstimmt. Es ist auch kein Medium, das informiert wie eine Zeitung oder das Radio. Aber Aufführungen und Diskussionen, die dort stattfinden, künstlerische Leistungen, die wir bewundern und geniessen oder der Ärger über eine verpfuschte Inszenierung beeinflussen unsere Werte, unseren Blick auf die Welt, mithin unser Selbstbild und somit langfristig auch unser Denken und Handeln.

Am Ende des Tages beeinflusst das Theater – sofern es Erfolg hat – persönliche und politische Entscheide. Wir wählen eine weltoffenere oder eine konservativere Regierung, wir stellen uns für oder gegen den Bau eines neuen Stadtteils, wir unterstützen das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Partnerschaften oder lehnen es ab, wir votieren für oder gegen die Ecopop-Initiative.

Basel befindet sich an einem Wendepunkt. Das trifft nicht nur auf die Bevölkerungszahl zu, die seit einigen Jahren wieder wächst und dadurch die räumliche Stadtentwicklung prägt. Es steht auch ein demographischer Wandel bevor: In wenigen Jahren werden wir vom durchschnittlich ältesten Kanton zu einem der jüngsten Stände mutieren. Speziell der Anteil der Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Ausbildung sowie der Kinder wird markant steigen. Die weitere Entwicklung der «Life Science»-Branche und damit verbundener Forschungsaktivitäten wird unsere wirtschaftliche, aber auch die soziale Realität umpflügen. Basel wird noch internationaler und entwickelt sich gleichzeitig in eine neue Massstäblichkeit hinein. Was viele Menschen als Chance sehen, macht anderen Angst.

Zu kurz greift in dieser Situation ein Theater, das bloss schöngeistig unterhält oder auf Aktualität reagiert. Die neue Direktion muss vielmehr selbst Themen aufspüren und diese aktiv (und natürlich mit künstlerischen Mitteln professionell) ins Gespräch bringen. Bei aller erwünschten Weltläufigkeit, kommt es in dieser Wendezeit Basels auf das Verstehen und Interpretieren der hiesigen Realität mit intelligent eingesetzten theatralischen Mitteln an. Nach Jahrzehnten der Importe brauchen wir deshalb heute eine neue Theaterdirektion aus Basel oder eine solche, die Basel und die hiesige Gesellschaft von innen wahrnimmt und sehr gut kennt.

Parkieren mit Mehrwert

Posted on 7 March 2013, 6:00 in Uncategorized.

Es war die Zeit der Utopien. Der heutige Vorsteher des Bau- und Verkehrsdepartements, Hans-Peter Wessels, engagierte sich für die kantonale Initiative «Basel autofrei». Diese wollte die Stadt nach dem Vorbild von Venedig in ein Paradies für Fussgänger, Fahrräder und öffentliche Transportmittel verwandeln. Ausnahmen waren nur für Versorgungsfahrten und Durchgangsstrassen vorgesehen.

Wer im Restaurant Kunsthalle speist, finanziert den darüber liegenden Kulturbetrieb mit. Beim Kunstmuseum könnte ein unterirdisches Parkhaus entstehen, das die in den überirdischen Stockwerken tätige Kreativwirtschaft fördert und die Umgebung aufwertet. (Foto: Henry Muchenberger)

Verständnis für das Anliegen signalisierte sogar die damals bürgerliche Regierung, als sie in einer Medienmitteilung schrieb: «Der Individualverkehr in Basel (…) hat ein Ausmass erreicht, dessen Auswirkungen auf Mensch und Umwelt teilweise untragbar geworden sind.» Das Stimmvolk schickte das Volksbegehren am 9. Juni 1996 mit 70 Prozent Nein bachab, wobei einzelne besonders belastete Quartiere zustimmten.

Fast 20 Jahre später sind die Träume kleiner und realistischer. Dank des Einsatzes von Hans-Peter Wessels wird «Basel autofrei» im Zentrum umgesetzt – und dies mit Zustimmung von Gewerbe und Anwohnern. Im Gegenzug befürwortet der Regierungsrat ein neues Parkhaus am Rand der Altstadt. Auch ich habe diese Entwicklung mitgemacht und sehe den aktuellen politischen Verkehrskompromiss als optimale Lösung.

Nach 20 Jahren Planung will der Regierungsrat das so genannte «KuMu-Parking» unter dem St. Alban Graben möglichst rasch realisieren. Das ist verständlich. Ich fände es allerdings schade, wenn wir nicht alle Optionen genau untersucht hätten, bevor wir eine Situation für 100 Jahre zementieren.

Die Swisscanto-Anlagestiftung besitzt ein Grundstück direkt neben dem neuen Kunstmuseum. Hier könnte ein öffentliches, unterirdisches Parkhaus mit gleich vielen Parkplätzen wie im «KuMu-Parking» realisiert werden. Ich habe den Auftrag angenommen, das Swisscanto-Projekt als Alternative zum «KuMu-Parking» weiter zu entwickeln, weil es die Chance bietet, oberirdisch ein Haus für die Kreativwirtschaft mit Wohnungen an bester Lage zu realisieren.

Das Swisscanto-Parkhaus kann in 20 Monaten fast ohne Verkehrsbehinderung gebaut werden. Das «KuMu-Parking» braucht etwa doppelt so lang, weil das Tram und zahlreiche Leitungen unterfangen werden müssen. Deshalb spart das Swisscanto-Parkhaus im Vergleich zum «KuMu-Parking» etwa sechs bis zehn Millionen Franken. Diese Mittel will die Kantonalbanken-Tochter in kulturelle Einrichtungen in den Obergeschossen desselben Hauses investieren ­– zum Beispiel über eine öffentliche Stiftung. Die Situation wäre ähnlich wie bei der Kunsthalle, wo das Restaurant im Parterre den Kulturbetrieb darüber mit finanziert.

Erst wenn das Vorhaben von Swisscanto auf dem gleichen Stand ist wie die Alternative, sollte ein Entscheid unter Berücksichtigung aller Informationen gefällt werden. Die Planungszeit dafür liegt bei wenigen Monaten.

Visionäres Schweizer Volk

Posted on 28 February 2013, 6:00 in Uncategorized.

Vor 50 Jahren nahm das Schweizer Volk mit 79,1% Ja-Stimmen den Natur- und Heimatschutzartikel in die Bundesverfassung auf. Damals war die Schweiz eine 2000 Watt-Gesellschaft, das heisst: Sie verbrauchte etwa drei Mal weniger Energie pro Kopf der Bevölkerung als heute. Die Bevölkerungszahl betrug 5,5 Millionen im Vergleich zu 7,9 Millionen heute.

Das Zusammendenken von Ansprüchen der Natur und der Kultur wird heute als Schlüssel für die notwendige Erneuerung in Richtung Nachhaltige Entwicklung gesehen. Die NATUR Messe lanciert ab heute einen breiten Dialog zu zukunftsfähigen Lebensstilen.

Die Tatsache, dass Natur- und Heimatschutz in einem Atemzug genannt und im gleichen Verfassungsartikel verankert wurden, weist auf einen hohen Integrationsgrad von Natur und Kultur im Denken der Schweizer Gesellschaft vor 50 Jahren hin. Der Verfassungstext stellt Artefakte, also vom Menschen geschaffene Werte (zum Beispiel Ortsbilder) auf die gleiche Stufe wie Landschaften und Naturdenkmäler. Und er nennt beide Aspekte, die die Schweiz prägen, aber seither auseinanderdriften, wie selbstverständlich im gleichen Satz.

Aus dem damaligen Zusammenhang heraus ist auch klar, dass die enge Beziehung zwischen Natur und Heimat als identitätsstiftendes Merkmal der Schweiz gesehen wurde. Zur Durchsetzung der Verfassungsbestimmung kann der Bund sogar Enteignungen anordnen «wenn das öffentliche Interesse es gebietet».

Das Zusammendenken von Ansprüchen der Natur und der Kultur, ja sogar von Natur und Gesellschaft, wird heute als Schlüssel für die notwendige Erneuerung in Richtung Nachhaltige Entwicklung gesehen. Der 50 Jahre alte Verfassungstext trägt somit den Keim einer neuen Ära in sich, die allerdings noch bevorsteht. Denn die Schweiz entwickelte sich danach – wie ganz Westeuropa – zu einer Konsumgesellschaft, die den hehren Absichten ihrer Verfassung kaum Rechnung trug. Heute stehen wir an einem Wendepunkt.

An diesem Wendepunkt lanciert die NATUR Messe, die heute in Basel beginnt, einen breiten Dialog zu zukunftsfähigen Lebensstilen, die den Anforderungen einer dichter bebauten und mit höherem Komfortanspruch wirtschaftenden Schweiz entsprechen. 150 Aussteller, darunter etwa die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA), der Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein (SIA), der Kanton Aargau, der Schweizer Tierschutz (STS), aber auch private Anbieter wie Coop, Manor, Weleda oder Soglio zeigen in der Halle 4 der muba auf attraktive und unterhaltsame Art und Weise, wie wir in Zukunft leben können, in Harmonie mit der Natur.

Nun ist diese Anforderung zur Überlebensfrage geworden. Erstaunlich ist dabei bloss, dass die Schweizer Stimmbürger bereits vor 50 Jahren in einem Verfassungsartikel die Anforderungen definiert haben, die wir heute nur noch zu erfüllen brauchen. Mitreden und mit Handeln ist erwünscht an der NATUR Messe – ab heute bis Sonntagabend.

Fingerhuths Fehler

Posted on 21 February 2013, 6:00 in Uncategorized.

Oft wurde ich im Laufe der kurzen Bauzeit des ikonischen Messeneubaus von Herzog & de Meuron gefragt, was ich von diesem silbernen Riegel am Messeplatz halte. Schon allein die Frageweise verriet jeweils, dass man von mir ein negatives oder gar abschätziges Urteil erwartete, da ich zu den kritischen, an nachhaltiger Entwicklung orientierten Geistern dieser Stadt zähle. Meine Antwort war in diesen Fällen: Erst wenn das Gebäude steht und der Platz gestaltet ist, kann ich zum Ergebnis Stellung nehmen.

Basel bewegt sich mit dem Messeneubau und dem Roche-Turm in eine neue Massstäblichkeit hinein. Und das ist gut so. Denn nur dieses neue Mass wird es uns erlauben, mit dem Boden haushälterisch umzugehen und Platz zu schaffen für nicht kommerzielle und grüne Freiräume.

Jetzt ist es so weit, und ich muss sagen: Der neue Messeplatz gefällt mir. Zauberhaft ist der nächtliche Blick auf den schwarzen Himmel und den Mond durch die runde Öffnung des Neubaus. Der elegante Schwung des Entrées auf beiden Seiten des gedeckten «Foyers» ist einladend und wird sich hoffentlich bald mit Leben füllen. Natürlich passt die Umgebung jetzt noch nicht ganz dazu. Ein konzentrierter Wandel an dieser Stelle schafft jedoch in den kommenden Jahren ein neues Gravitationsfeld: Mit einer Gruppe Hochhäuser, einer aufgewerteten Rosental-Anlage, der fussgängerfreundlichen Clarastrasse und der guten Tram-Erschliessung wird dieser Teil der Stadt endlich ins Zentrum integriert – womit die lange ersehnte Erweiterung der Innenstadt Realität würde.

Genau in diesem Moment meldet sich aus Zürich der ehemalige Basler Kantonsbaumeister Carl Fingerhuth zu Wort. Er prangert sowohl die Messehalle als auch das im Bau befindliche Roche-Hochhaus an der Grenzacherstrasse wegen «fehlender Massstäblichkeit» an. Beide Projekte, erklärte er im Regionaljournal Basel von SRF und später in der NZZ, seien «stadträumlich ein Verlust für Basel».

Carl Fingerhuth hat grosse Verdienste um die Basler Stadtentwicklung und die hiesige Architekturszene. In seiner Wirkungszeit förderte er durch systematische Auftragsvergabe über Wettbewerbe damals noch kleine Büros wie jenes von Jaques Herzog und Pierre de Meuron. Nur weil diese heute Weltstars sind, ist noch lange nicht alles gut, was sie bauen. Und Kritik ist nicht nur erlaubt, sondern erwünscht. Umgekehrt ist es stillos, alles klein zu reden, nur weil es in neue Dimensionen vorstösst und von berühmten Architekten stammt, wie es – leider nicht nur in Basel – üblich geworden ist.

Fingerhuths Fehler ist nicht, dass er sich in die Debatte einmischt. Er sollte es aber dann tun, wenn es noch etwas zu diskutieren gibt. Sobald ein Entscheid gefällt und ein Projekt im Bau ist, wäre es weiser zu schweigen und abzuwarten, wie das Ergebnis aussieht. Natürlich bewegt sich Basel gegenwärtig in eine neue Massstäblichkeit hinein. Das ist auch gut so. Denn nur dieses neue Mass wird es uns erlauben, mit dem Boden haushälterisch umzugehen und im engen Perimeter der Stadt Platz zu schaffen für nicht kommerzielle und grüne Freiräume.

Die SVP führt uns in die EU

Posted on 14 February 2013, 6:00 in Uncategorized.

Basel-Stadt ist wohl von allen Deutschschweizer Ständen der EU-freundlichste Kanton. Theoretisch müssten wir uns deshalb freuen, dass die SVP unser politisches System in einem entscheidenden Punkt den meisten europäischen Staaten anpassen will: Sie möchte die Volkswahl der Regierung einführen. Kommt die Rechtspartei Ende Jahr mit ihrem Volksbegehren durch, würden Blochers Jünger das ausgeklügelte Gleichgewicht zwischen Regionen und Parteien aus den Angeln heben, das bisher die Bundesratswahlen prägte. Ohne äusseren Zwang würden wir mit EU-Sitten und Gebräuchen gleichgeschaltet.

Die SVP will die Volkswahl der Regierung. Und sie unterwirft ihre Fraktionsmitglieder der Parteidoktrin. Ganz nach dem Vorbild vieler Europäischer Regierungssysteme. Ist die SVP heimlich auf EU-Kurs?

Nationale Wahlkampagnen im Stile von Deutschland oder Frankreich wären die Folge – mit allen Personifizierungen, demagogischen Akzenten und unterhaltsamen TV-Debatten. Ein weiterer Effekt wäre die zusätzliche Polarisierung von Politik und Parteienlandschaft. Rot-grün-christliche Koalitionen würden sich abwechseln mit konservativ-bürgerlich-grünliberalen Regierungen. Faktisch hätten wir ein Zweiparteiensystem mit Beigemüse.

Die SVP-Initiative schlägt die Wahl des Bundesrates nach dem Majorzsystem vor, wobei je ein Sitz für die Romandie und das Tessin reserviert wären. Die Chancen der Nordwestschweiz, in einer solchen Regierung vertreten zu sein, würden gegenüber heute nochmals deutlich geschmälert. Denn die Nominationen der fünf Deutschschweizer Sitze würden sich auf Persönlichkeiten konzentrieren, die aus den bevölkerungsreichen Kantonen stammen, um deren Wahlchancen zu erhöhen.

Ganz entgegen der aktuellen SVP-Doktrin würde die Volkswahl des Bundesrates die Zentralmacht stärken und damit den Föderalismus in Frage stellen. Auch hier käme es zu einer Annäherung an das System, das in den meisten EU-Ländern gilt.

Um bis zu einem allfälligen Erfolg ihres Volksbegehrens nichts anbrennen zu lassen, hat die SVP intern bereits vorgesorgt. Sie bestimmt nämlich seit 2008 in ihren Parteistatuten, dass ein gewählter, aber nicht offiziell von der SVP-Fraktion nominierter SVP-Bundesrat bei einer Wahlannahme automatisch aus der Partei ausgeschlossen wird. Diese Bestimmung degradiert die Vereinigte Bundesversammlung zum erpressbaren Kopfnicker-Gremium. Wenn der Rat nicht den offiziellen SVP-Kandidaten wählt, ist halt kein SVP-Vertreter mehr im Bundesrat.

Diese Zwangsjacke verstösst gegen das Instruktionsverbot der Bundesverfassung. Auch hier führt uns die SVP in europäische Gefilde. Im Deutschen Bundestag beispielsweise, können Abgeordnete von ihren Fraktionsleitungen verpflichtet werden, nach der Parteidoktrin zu stimmen, auch wenn sie persönlich anderer Meinung sind. Das ist dort Teil des Systems. Was die SVP tun würde, wenn nicht das Parlament, sondern das Volk den Falschen aus ihren Reihen wählen würde, ist bis dato unbekannt.

Natur und Kultur

Posted on 7 February 2013, 6:00 in Uncategorized.

Am 1. März, kurz nach der Fasnacht, ereignet sich in Basel Historisches. Im Kongresszentrum treffen zwei Bewegungen aufeinander, die sich so noch nie begegnet sind: Die grossen Schweizer Umwelt- und Nachhaltigkeitsorganisationen auf der einen und die Kultur- und Medienszene auf der anderen Seite. Am 8. «NATUR Kongress» (www.natur.ch) werden weit über 600 Entscheidungsträger und Fachleute aus den beiden sonst getrennt agierenden Sphären über eine Zusammenarbeit sprechen. Dies geschieht in Sorge um den sozialen Kitt in der Gesellschaft und den Zustand unserer Umwelt.

Wir schaffen bei uns Wohlstand, doch auf Kosten der Regenerationsfähigkeit von Lebens-grundlagen anderer Menschen. Dagegen formiert sich ein neues Bündnis aus Natur- und Kulturszene. Mit dabei ist auch Bundesrat Alain Berset (Bild; BaZ).

Die Kultur beginnt, sich für die Nachhaltige Entwicklung der Schweiz einzusetzen. Hauptakteure sind Künstlerinnen und Künstler, deren Filme, wie beispielsweise «More than Honey», Preise gewinnen und so viele Zuschauerinnen und Zuschauer ins Kino locken wie selten zuvor. Die NATUR Messe (am zweiten muba-Wochenende) erwartet auch den Auftritt von Performerinnen, die sich mit dem Thema der Zukunftssicherung auf unterhaltsame und zugleich eindrückliche Weise nähern.

Aber auch Medien und Politik mischen sich ein: SRG Generaldirektor Roger de Weck wird sich am NATUR Kongress erstmals zur Verantwortung der Medien für eine Nachhaltige Entwicklung äussern. Und Bundesrat Alain Berset wird in seiner Rolle als Kulturminister den Bogen schlagen  vom Natur- und Heimatschutzartikel in der Bundesverfassung, der gerade 50 Jahre alt geworden ist, zum heutigen Verhältnis zwischen Natur und Kultur. Aus globaler Sicht kommentiert dieses Verhältnis Achim Steiner, der eloquente Generaldirektor des UNO-Umweltprogramms.

Die Kultur wird zum Hoffnungsträger der Nachhaltigen Entwicklung. Das seit der Konferenz von Rio im vergangenen Jahr auch weltweit abgesegnete Konzept der «grünen Wirtschaft» wird es allein nicht richten. Es braucht auch eine «grüne Gesellschaft», das heisst einen Wertewandel, der uns freiwillig und aus innerer Überzeugung zur Energiewende führt, zum Beispiel hin zu erneuerbaren Energien. Oder hin zur Schonung unserer wertvollen Böden und der Artenvielfalt durch biologischen Landbau. Oder zu einem weltweit dringenden, sparsamen Umgang mit Süsswasser, der für die Ernährungssicherheit entscheidend ist.

Dieser Wertewandel ist in erster Linie kultureller Art: Von der Mentalität des «macht Euch die Erde untertan» zur Kooperation mit unserer Umwelt. Keine Tierart zerstört beim Fressen ihre Nahrung, wie der Mensch dies gegenwärtig im globalen Massstab tut. Wir schaffen bei uns Wohlstand, doch auf Kosten der Regenerationsfähigkeit von Lebensgrundlagen anderer Menschen. Hunger, Elend und Kriege um Ressourcen sind die grausamsten Symptome dieser Fehlentwicklung. Der Kongress vom 1. März initiiert eine neue Zusammenarbeit zwischen Natur- und Kulturszene, um diese Frage radikal, von der Wurzel her, anzupacken.

Die Stadt, die Dichte und die Zeit

Posted on 31 January 2013, 6:00 in Uncategorized.

Städtevergleiche sind eine ergiebige Quelle für neue Erkenntnisse. Das gilt ganz besonders für den soeben erschienenen «Städtevergleich Mobilität» zwischen Basel, Bern, Luzern, St. Gallen, Winterthur und Zürich. Er zeigt, wie verschiedene Medien schon berichtet haben, dass Basel eine Velostadt ist: 16% aller Wege legen wir mit dem Fahrrad zurück. Auf dem zweiten Platz liegt Winterthur mit 13%. Bronce geht an Bern mit 11%. Den geringsten Anteil Veloverkehr hat St. Gallen (3%). Auf dem zweitletzten Platz ist Zürich (6%).

Der städtischen Dichte verdankt jede Baslerin und jeder Basler im Vergleich zu Zürich eine zusätzliche Ferienwoche pro Jahr. Und das ist nicht die einzige verblüffende Erkenntnis aus der neusten Mobilitäts-Statistik.

Die grossen Unterschiede rufen nach Ursachenforschung. Auch wenn die Topographie eine Rolle spielen mag, ist doch die Politik, in diesem Fall die Fahrrad-Förderung, ein ganz zentraler Faktor, der langfristig seine Wirkung nicht verfehlt. In Basel fuhr schon in den 70er-Jahren die Mehrheit der damals noch bürgerlichen Regierung mit dem Velo ins Büro und anerkannte die zweirädrige Fortbewegungsweise als stadtgerechte Mobilität. Daran orientierten sich in der Folge die Gesetzgebung und die Investitionen.

Tiefere Analysen des Zahlenwerks bringen noch weitere verblüffende Erkenntnisse an den Tag: Zum Beispiel, dass Basels Mobilität insgesamt sogar umweltschonender ist als jene der Vorzeigestadt Kopenhagen. Addiert man nämlich die Wege, die wir zu Fuss gehen (37%), mit Tram und Bus zurücklegen (27%) und auf dem Velosattel fahren (16%), kommen wir auf 80% aller Strecken. In Kopenhagen liegt der umweltschonende Anteil bloss bei 70%. Die Kopenhagener fahren zwar viel mehr Velo als wir (36%). Sie gehen aber nur selten zu Fuss (7%) und steigen viel häufiger ins Auto (30% Anteil im Vergleich zu 18% in Basel).

Weshalb ist das zu Fuss gehen in Basel so populär? Der Städtevergleich gibt auch darauf eine Antwort, die einleuchtet: Die Bevölkerungsdichte in der Stadt Basel ist mit 6800 Einwohnerinnen und Einwohner pro Quadratkilometer um ein Drittel höher als in Zürich, wo 4200 Menschen auf der gleichen Fläche wohnen.

Der Dichteunterschied bringt’s: Eine Dichte Stadt führt zu kürzeren Wegen. Diese können dann auch eher zu Fuss oder mit dem Fahrrad zurückgelegt werden. Das zeigt sich auch im Zeitmass: In Basel sind die Menschen pro Tag 91 Minuten unterwegs, in Zürich 101 Minuten. Wer in Basel lebt, spart im Vergleich mit Zürich täglich 10 Minuten Wegzeit. Wir sind also durchschnittlich schneller am Ziel. Auf die ganze Bevölkerung hochgerechnet, entspricht der Zeitgewinn täglich 2000 (wachen) Tagen mehr Freizeit oder Arbeitszeit – jeder und jede hat die Wahl. So kommen jährlich 730 000 Tage zusammen. Und das entspricht einer zusätzlichen Ferienwoche für alle! Das ist die wahre Produktivität der dichten Stadt.

Arme Reiche

Posted on 24 January 2013, 6:00 in Uncategorized.

Ein Gespenst geht um in der Schweiz – das Gespenst der Abzockerinitiative. Diese will dafür sorgen, dass sich die Teppichetage nicht unkontrolliert am Guthaben der eigenen Firma bedienen kann. Wie der Lehrling, der für seinen Fehlgriff in die Bürokasse bestraft wird, soll auch der Manager büssen, wenn er sich unmoralisch bereichert. Die Ehrlichen haben in beiden Fällen nichts zu befürchten.

Wollen Reiche reich bleiben, damit sie Steuern zahlen können oder wollen sie weniger Steuern bezahlen, damit sie reich bleiben? Um die Abzocker-Initiative zu Fall zu bringen, greift Ex-UBS und Credit Suisse-Chef Oswald Grübel (Bild) in die Trickkiste.

Um diese einfache Ausgangslage zu vernebeln, hat ein neuer Diskurs um Reichtum eingesetzt. Dieser zielt darauf ab, uns zu verwirren. Die Abzocker sollen uns plötzlich Leid tun. So bejammerte der ehemalige UBS- und Credit Suisse-Banker Oswald Grübel kürzlich im «Sonntag» den Undank der Regierungen Frankreichs und Englands (unter früherer, linker Führung) gegenüber ihren Reichen. Einkommensmillionäre würden mit Steuern so sehr drangsaliert, dass sie sich zur Auswanderung gezwungen sähen. Siehe Gérard Depardieu, der plötzlich Russe wurde.

Bürgerliche Feuilletons erfanden für solche Menschen mit wenig Bodenhaftung um 1900 den Begriff «vaterlandslose Gesellen». Als solche verleumdet wurden damals allerdings nicht Kapitalisten, sondern internationalistische Kommunisten und Sozialdemokraten. So wechseln die Zeiten.

Zurück zu Oswald Grübel: Anstatt Einkommensmillionäre «mit emotional geprägten Entscheiden zu vertreiben», empfiehlt er zu «versuchen, diese Leute zu halten, damit die Steuern für die Mehrheit weiter tief bleiben». Kurios: Mit «diese Leute» meint er wahrscheinlich sich selbst.

Klartext sprach für ihn dann die Basler Zeitung am letzten Samstag: Bonzen würden, zum Beispiel in TV-Krimiserien wie «Tatort», für alle Verbrechen dieser Welt verantwortlich gemacht. Zwar müsse man, so Leitartikler Markus Somm, «die Reichen und Erfolgreichen nicht lieben». Das erwarte niemand. «Doch sie so zu pflegen, dass sie sich hier wohl fühlen», das sei «eine Frage der praktischen Vernunft».

Grübel schreibt unverblümter, worin diese Vernunft besteht: «In den meisten Staaten» bezahle «die Minderheit der Hochverdiener» die Mehrheit der Steuern, «auch in der Schweiz». Lasst also den Reichen ihr Geld, damit sie mehr Steuern zahlen können. Abzocker zu «pflegen», sichert gemäss dieser Logik die öffentlichen Einnahmen.

Doch bei nächster Gelegenheit stemmen sich die «Hochverdiener» auch wieder gegen das Steuerzahlen, wie das Beispiel Depardieu und viele andere zeigen. Was gilt jetzt? Wollen Reiche reich bleiben, damit sie Steuern zahlen können oder wollen sie weniger Steuern bezahlen, damit sie reich bleiben, um allenfalls mehr Steuern bezahlen zu können? Unsere armen Reichen machen uns ganz konfus, nicht nur Somm und Grübel.

Next Page »